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Gestern war ich in Shenzhen, eine der Sonderwirtschaftszonen Chinas, wozu Hong Kong im Übrigen auch zählt. In Shenzhen war ich zwar schonmal, allerdings lediglich zum „shoppen“. Die 13 Millionen-Stadt ist geprägt von großen Malls, welche bis unter die Decke voll sind mit allem was man fälschen kann. Von DVDs, über Uhren, gefälschte Markenkleidung und -Schuhe bis hin zu Handys, kopierten iPads, iPods und ganzen Laptops findet man hier alles. Die Qualität der Kleidungsstücke ist zu einem großen Teil erstaunlich gut. Nicht selten werden die Originale ebenfalls in Shenzhen gefertigt, wenn nicht sogar von den selben Fabriken. Diesmal waren die Malls aber nicht unser Ziel sondern wir hatten die einmalige Gelegenheit sowohl eine Textilfabrik, als auch eine Druckerei für Verpackungsmaterial zu besichtigen. Möglich wurde das durch meinen Professor, den ich in einem Seminar über die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen als Dozenten habe. Dieser Kurs ist übrigens ganz klar der beste, den ich an der HKBU belegt habe. Zwar ist der Kurs komplett auf deutsch, aber die Inhalte sind umso interessanter, zumal 90% der Studenten Chinesen sind, aber bereits ein Jahr in Deutschland gearbeitet haben und dank vorherigem Sprachkurs für mein Verständnis extrem gut Deutsch sprechen und auch verstehen. Den einzigen, den meine chinesischem Mitstudenten etwas fürchten, ist Patrick. Patrick ist Österreicher, kommt aus Graz, und spricht auch dementsprechend.

Zurück nach Shenzhen: Zunächst hieß es früh aufstehen, denn wir mussten bereits um Punkt neun an der Grenzstation in Lo Wu sein (Übrigens eine beliebte Grenze für Schmuggler, die aufgrund der niedrigen beziehungsweise nicht vorhandenen Steuern in Hong Kong, versuchen,  die Ware am Zoll vorbei nach China zu bekommen). Dort angekommen trafen wir auf unsere restlichen Kursteilnehmer und wurden auch schon von einem typisch chinesischen Minibus abgeholt.

Die erste Fabrik stellt alle möglichen Textilien her: T-Shirts, Hosen, Unterwäsche, Bettwäsche. Gewundert hat mich, wie bereitwillig uns jegliche Art von Fragen beantwortet wurden und wie sauber das Unternehmen doch ist. Es handelte sich ganz klar um eine der besseren Fabriken, die über chinesische Vorgaben hinaus von westlichen Kunden anerkannte Zertifizierungen besaß und in Hinblick auf die unvorhersehbaren Kontrollen auch Besuchergruppen vorzeigbar ist. Abgesehen davon erinnerte alles doch sehr an die Bildern die ich schon aus dem Fernsehen kannte: Riesige Hallen mit schulbankähnlich aufgereihten Tischen, an denen überwiegend junge Frauen, aber auch Männer an Nähmaschinen Oberteile arbeiteten. Die Fabrik ist mehrere Stockwerke hoch und jedem Stockwerk werden unterschiedliche Arbeitsschritte durchgeführt. Interessant war auch die angewendete Siebdrucktechnik, mit der die Arbeiter Grafiken und Logos auf die T-Shirts pinselten. Da wurde mir erst einmal bewusst, dass unsere Kleidung auch in der heutigen Zeit fast ausschließlich in Handarbeit hergestellt wird. Kein Wunder, dass die Produktion deshalb in Niedriglohnländer gezogen ist, wobei die Textilindustrie, welche wegen der Kompaktheit der Maschinen leicht den Ort wechseln kann bereits nach Westchina, wo die Gehälter noch nicht so stark gestiegen sind, weiterzieht. Alternativ  aber auch nach Vietnam oder Kambodscha, wobei hier das Klima, die Arbeitsmoral der Arbeiter und die enorme Korruption bemängelt wird. Die letzteren Punkte sind anscheinend ausschlaggebend dafür, dass heute immer noch ein Großteil der produzierenden Industrie in von der Finanzkrise gebeutelten Regionen wie Shenzhen sitzt.

Die zweite Fabrik war ein paar Stadtteile weiter,stellt Verpackungen her und bedruckt diese auch. Im Showroom durften wir eine ganze Menge von Referenzschachteln und Displays begutachten, worunter auch bekanntere Namen, wie Nintendo, Sony, Clinique und sogar Kinderschokolade zu finden waren. Beim Anblick der eingesetzten Anlagen wurde mal wieder die Stärke des Deutschen Maschinenbaus deutlich: Nagelneue Druckpressen von Heidelberger Druck und MAN mitten in einer schäbigen chinesischen Hinterhoffirma, auch wenn diese 300 Mitarbeiter hat und entsprechend groß ist.

Wen es interessiert hier ein paar Zahlen: Eine recht hochwertige da aufwendig mit Silberfolie bedruckte) Schachtel für Clinique wird für 3 US$ von der Druckerei abgegeben. Die georderte Stückzahl liegt bei 1 Million, leider wurden die Herstellungskosten nicht verraten.

Überraschenderweise führte uns der Geschäftsführer nicht nur durch die Hallen und Büros, sondern auch durch die Dormitories, wo einige der Mitarbeiter untergebracht sind. Da die Arbeitnehmer in der Regel von weiter weg kommen, um Arbeit in den Fabriken zu finden ist es nicht unüblich, dass vom Arbeitgeber auch ein Wohnungskomplex auf dem Betriebsgelände zur Verfügung gestellt wird. Beim Anblick der trostlosen Zimmer, die sich etwas gehobenere Angestellte zu zweit teilen müssen, wird einem aus Deutschland kommend schon etwas anders zumute. Auch weil uns die Arbeiter der Textilfabrik erzählt haben, dass sie über sechs Tage verteilt pro Woche 55-60 Stunden arbeiten, und das für 69 RMB am Tag, also momentan etwa 9,20€. Das entspricht etwas mehr als dem gesetzlichen Mindestlohn, der in China gilt.

Wie immer hab ich natürlich ein Paar Bilder gemacht, die ich hier nicht vorenthalten möchte:

Viele Grüße aus Tokyo, ich hoffe ich finde auf dem Rückflug Zeit, um davon zu berichten.

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